Pierre Sanoussi-Bliss: Was mir zu sagen wichtig ist


Die Phantasie. Die Phantasie ließ mich dieses Buch schreiben. Bei der Beschäftigung mit der Rolle des "Orfeo" in Doris Dörris Film "Keiner liebt mich", begann ich mit der "Fleischsuche". Fleisch für die Rolle. Wo kommt Orfeo her, was will er und wo will er hin ...
Das "Wo will er hin" wird in "Keiner liebt mich" nicht ausreichend erklärt. Er erzählt zwar, daß ihn seine außerirdischen Freunde auf den Planeten "Arcturus" abholen werden, aber letztlich verschwindet er einfach, wenn auch auf ziemlich mysteriöse Weise.
Das war mein Denkansatz, was wäre wenn ...
So habe ich die Figur des "Sam" erfunden und ihn in ein Milieu verfrachtet, in dem ich mich ganz gut auskenne, der "Rumkünstlerei". Orfeo ist schwarz, schwul und positiv (HIV+). Sam ebenso.
Hier enden allerdings schon die Gemeinsamkeiten, da Sam, im Gegensatz zu Orfeo, mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und sich im Alltag behaupten muß. Er hat auch keine Todessehnsucht und gehört eher der lebenslustigen Gattung Mensch an. Sam hat Freunde und noch eine Menge Träume. Die Homosexualität spielt für ihn und seine Freunde keine Rolle. Er ist halt so und in dem Umfeld, in dem sie sich bewegen, müssen sie keine Diskriminierung fürchten.
Und das ist auch was ich zeigen will. Normale Menschen im normalen Alltag, zu dessen Normalität auch gehört, daß sich die Ereignisse überstürzen.
Ich möchte, daß die Schauspieler hinter ihre Rollen zurücktreten. Keine Effekthascherei und keine Kabinettstückchen. Keine Konkurrenz. Ensemble ist Trumpf. Hier eher schon in Sinne von "Familie" gemeint. Ausreichend Platz für Improvisation ist sehr wichtig. Die Kamera soll sich Zeit lassen, in die Gesichter zu schauen, denn auch scheinbare Banalitäten können sehr viel erzählen. Ein Augenzucken, der Zug an einer Zigarette, ein kurzer Blick in den Spiegel, das Zuhören, das Weghören, usw...

BASTL (Mathias Freihof) und MIKE (Paul Gilling)
Das Drehbuch ist nur das Korsett, das, nicht zu eng geschnürt, genügend Platz zum Atmen läßt.
Die von mir favoritisierte Besetzung hat den Vorteil, daß jeder der Darsteller das Buch toll fand und sich von Anfang an mit der ihm zugedachten Rolle identifizieren konnte. Das schafft natürlich klare Verhältnisse vor Drehbeginn und trägt dazu bei, den Film in Endeffekt so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Allürenfrei.
Das ist für mich einer der wichtigsten Punkte dabei: Diesen Spalt zwischen Realität und Kunst verschwinden zu lassen. Viele Geschichten in diesem Buch sind wirklich so passiert. Ich habe selbst Freunde verloren, die an AIDS starben, aber bis zum Schluß ihren Sinn für Humor nicht verloren haben. Wenn es auch oft Galgenhumor war, bei dem einem das Lachen im Halse stecken blieb. Deshalb ist für mich Authentizität so wichtig. Die Zuschauer müssen lachen dürfen, ohne daß ins Seichte abgeglitten wird. Man darf die Tiefe der Problematik nie vergessen. Das möchte ich möglichst mit ruhigen und bedachten Einstellungen erreichen, mich nicht der heutigen MTV-Schnittmentalität unterwerfen. Ich möchte mir Zeit lassen, in den Gesichtern der Darsteller das zu entdecken, was sie nicht aussprechen. Es dauert so lange es dauert.


Andererseits ist mir natürlich bewußt, daß man auch heutigen Sehgewohnheiten Rechnung tragen muß. Ich habe ein sehr gutes Gespür dafür, wann etwas anfängt mich zu langweilen, weil es "hohl" wird... Daher ist für mich die Musik in diesem Film sehr wichtig, nicht nur zur Untermalung, sondern auch dramaturgisch, der Texte wegen. Bei der Umsetzung dieser Sequenzen möchte ich versuchen, eine gewisse Videoästhetik einzubringen. Nicht gleich techno-mäßig, aber mindestens so wie bei Sinead o`Connors "nothing compares 2 U". Die Musik bedeutet keine Pause, sondern die Handlung wird weitergetragen. Alle Texte haben unmmittelbar mit dem Gezeigten zu tun.
Der Film soll atmen, nicht hecheln. Der Zuschauer muß die Möglichkeit haben, sich in den Film und seine Figuren hineinzuversetzen. Es darf ihm nichts fremd sein. Und das erreiche ich nur, in dem ich alles mit der größten Selbstverständlichkeit erzähle. Ein Beispiel wäre da für mich der Vorspann, den wir als eine einzige Darstellung gedreht haben. Es geschieht am hellichten Tag und es kann jedem passieren. Das muß von Beginn an klar werden: es geht um Situationen, die jeder schon so oder anders erlebt hat, oder erleben könnte und die trotz aller Tragik einer gewisse Komik nicht entbehren.