Zurück auf Los
ZDF macht schwulen Kinofilm

Männer aktuell, Oktober 1999
Pierre Sanoussi-Bliss


(...) Pierre Sanoussi-Bliss gibt uns hastig die Hand: Er ist Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler - und er kann jetzt wirklich nicht. Aber Matthias Freihof kann. "Der Film 'Zurück auf Los' hat keine klassische Dramaturgie", erklärt er. "Der Film geht rein in ein Leben und wieder raus - eben eine Lebens- und Liebesgeschichte; eher tragikkomisch." Wir nicken.
Es geht um fünf schwule Männer, die sich im Berlin der späten Neunziger durchs Leben schlagen - mit mehr oder weniger Geschick. Gewürzt wird die Geschichte durch allerlei Schicksalsschläge - wie Liebe, eine HIV-Infektion, einen Unfall, eine Erblindung, eine Trunksucht und wieder Liebe.

Herr Sanoussi-Bliss: Wieviel vom Drehbuch haben Sie selbst erlebt?
Es ist keine Autobiographie - 'Sam' ist verhinderter Schauspieler, und ich bin's nicht. Es sind erlebte, gehörte und erfundene Geschichten - ohne speziell schwule Thematik. Es geht um Sachen, die jedem anderen passieren können. Daß die Hauptfiguren schwul sind, ergab sich daraus, daß Schwule eben einen besonders sarkastischen Humor haben - und den wollte ich darstellen. Mich stört diese Schublade 'schwul'. Es ist ein Film, der unterhalten will, und kein 'Comunity'-Film; er kämpft nicht für irgendwelche schwulen Ziele. Hier in Berlin an der Schwelle zum dritten Jahrtausend finde ich die Frage, ob jemand schwul ist oder nicht oder ob Ossi oder Wessi oder hell oder dunkel ist, nicht mehr so wichtig.

Buch, Regie und Darstellung - haben Sie sich für's erste Mal nicht ein bißchen viel vorgenommen?
Nein, das ist ganz einfach. Das Buch ist fertig und ich habe ziemlich genau im Kopf, was ich haben will. Mit einem Regisseur wäre ich ständig im Clinch, weil er mein Buch anders sieht und mich als Schauspieler anders haben will. Es ist das Einfachste, wenn ich alles selbst mache.

Matthias Freihof, wären Sie lieber blond?
Nein, die Hauptfiguren haben alle dunkle Haare, und einer sollte helles Haar haben. Pierre wollte mich nach zwölf Jahren Filmerei verändern, und nach drei Tagen hatte ich mich an Blond gewöhnt. Dieses künstliche Hellblond sagt viel über unsere Zeit - aber wenn die Aufnahmen fertig sind, laß' ich mein Haar wieder im Naturton färben.

Das Star-Aufgebot in "Zurück auf Los" ist beachtlich: Doris Dörrie, Anja Kling und Gerrit Kling, Susanne Böwe, Susanne Uplegger und Pascal von Wroblewski treten in winzigen Nebenrollen auf - wie haben sie das geschafft?
Beziehungen! Unser Budget ist extrem klein - und bei normaler Bezahlung wäre der Film doppelt so teuer geworden. Aber wir sind mit vielen Schauspielern befreundet, denen unsere Geschichte so gut gefällt, daß sie fast umsonst im Film auftreten. Deswegen haben wir eine Cast-Liste, die wir uns sonst nie leisten könnten.

Frau Dörrie, was treibt eine Regisseurin vor die Kamera - und dann auch noch in eine schwule Tragikkomödie?
Es treibt mich einiges: Ich finde das Buch klasse, und ich bin mit Piere befreundet - und ich finde diesen Film ein ganz tolles Projekt.

Wird die Schauspielerei ihr zweites Standbein?
Ach, ich hab das mal studiert, aber ich bin nicht gut. So was wie hier schaffe ich gerade noch - ein paar Sätze und einen Drehtag - aber eine richtige Rolle, das könnte ich nicht.

Stört Sie die schwule Thematik des Films nicht?
Pierre Sanoussi-Bliss tut zwar so, als wenn das heute etwas ganz Normales wäre, aber wenn man hier in Berlin in andere Stadtteile fährt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Das trifft nicht nur Schwule, sondern auch Juden, Ausländer, Farbige - alle, die ein bißchen anders sind oder anders aussehen. Dabei sind Schwule inzwischen total 'main stream', aber eben nur in der Kultur und nicht in der Realistät. Wir Deutschen müssen eben noch aushalten lernen, daß jemand anders ist als wir selbst.


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